Blankorezept erhöht nicht die Kosten

Patienten sollten den Direktzugang zu Physiotherapeuten erhalten. Dies ist für den Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten (IFK) und die Krankenkasse BIG gesund direkt die Konsequenz aus einem sechsjährigen Modellversuch.

Aus Sicht des Bundesverbands selbstständiger Physiotherapeuten (IFK) sollte die Berufsgruppe mehr Autonomie im Behandlungsablauf erhalten.

Das ergibt sich für den IFK aus den Ergebnissen eines Modellvorhabens zur Blankoverordnung, das der Verband zusammen mit der Krankenkasse BIG direkt gesund aufgelegt hat. Evaluiert worden ist das Projekt von der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

„Wenn Patienten direkt vom Physiotherapeuten behandelt werden, geschieht dies genauso wirksam wie nach einer ärztlichen Verordnung und in kürzerer Zeit“, sagte die IFK-Vorsitzende Ute Repschläger bei der Vorstellung der Studienergebnisse.

Mit dem Pflegeweiterentwicklungs-Gesetz ist es seit 2008 erlaubt, Modellvorhaben aufzulegen, bei denen Physiotherapeuten die Art, Dauer und Frequenz des Heilmittels verändern. Der vorherige Arztkontakt bleibt aber verpflichtend, eine Ersetzung ärztlicher Leistungen ist dabei verboten.

40 Praxen haben mitgemacht

Im vorliegenden Fall haben 40 Physiotherapie-Praxen in Westfalen-Lippe und Berlin im Zeitraum von Juni 2011 bis Ende 2017 an dem Modellvorhaben mitgewirkt. 630 Patienten schlossen die Studie ab, davon gehörten 296 Patienten der Kontroll- und 334 Patienten der Modellgruppe an.

Die Teilnehmer waren im Schnitt 49 Jahre alt, zu 73 Prozent erwerbstätig und litten – in beiden Gruppen – mit Abstand am häufigsten an Erkrankungen der Wirbelsäule (85 Prozent).

Die Teilnehmer der Kontrollgruppe erhielten die Versorgung nach Verordnung des Vertragsarztes. In der Modellgruppe hingegen wurde die Verordnung für den behandelnden Physiotherapeuten unkenntlich gemacht. Der Therapeut blieb jedoch in seiner Arbeit an den Heilmittelkatalog gebunden. Einige Kernergebnisse:

Art und Menge der angewandten Heilmittel: In der Modellgruppe wurde laut Evaluation weniger allgemeine Krankengymnastik, dafür mehr Manuelle Therapie verordnet. Die Patienten in der Modell-Grupp erhielten somit häufiger einen Mix aus aktiven und passiven Therapiemethoden.

Behandlungsdauer: Im Mittel der gesamten Stichprobe dauerte die Behandlung elf Wochen. In der Modellgruppe war sie durchschnittlich um zwei Wochen kürzer als bei den anderen Patienten. Das lag auch daran, dass die durchschnittliche Zahl der Behandlungseinheiten geringer war.

Kosten: Die Kosten für physiotherapeutische Heilmittel betrugen über beide Gruppen hinweg im Schnitt 215 Euro je Patient. In der Modellgruppe fielen geringere Kosten für ärztliche Leistungen an, die Kosten für Arzneimittel waren in beiden Gruppen vergleichbar, heißt es in der Evaluation.

Weitere Modellvorhaben gefordert

Die Ergebnisse sprächen für eine „neue Aufgabenteilung im Gesundheitswesen“, resümierte die IFK-Vorsitzende Repschläger.

Die Kasse und der Physiotherapeutenverband forderten den Bundestag auf, aufbauend auf diesen Ergebnissen Modellvorhaben zu ermöglichen, die einen Direktzugang zu Therapeuten vorsehen. „Der ausschließliche Weg über den Arzt ist nicht mehr zeitgemäß.“

Denn in internationalen Studien seien auch geringere Wartezeiten und AU-Zeiten sowie Einsparungen bei ärztlichen Leistungen belegt worden. Dies habe im Delegationsmodell nicht gezeigt werden können.

Mittlerweile hat der Gesetzgeber im Heil- und Hilfsmittelversorgungs-Stärkungsgesetzvorgegeben, dass die Kassen flächendeckend Modellprojekte zur Blankoverordnung auflegen müssen.

 

Quelle:

Ärzte Zeitung online, 16.03.2018